Made in Mallorca – Mediterranes Gefühl mit Inselstempel

0
35

Wo steckt wirklich Mallorca drin

Mallorca ist mehr, als Tourismus und Urlaub. Auf der Insel tummeln sich eine Vielzahl von Betrieben, die ihrer Mode den Stempel „Made in Mallorca“ aufdrücken. Doch was wird wirklich hier hergestellt?

Das Tor zum Herz der meisten Frauen befindet sich direkt am Orstausgang von Petra. Hier, in einem eher unscheinbaren Firmenhaus, von der oberhalb gelegenen Straße kaum zu erkennen, werden Träume wahr: Träume von exklusiven Designer-Taschen, edlen geld börsen und manch’ schickem Accessoire. Der fehlende architektonische Prunk des Gebäudes wird spätestens im Eingangsbereich durch den einladenden Showroom mit seinem gläsernen Regalen, bestückt mit den aktuellen Trends und neuesten Kreationen wettgemacht.

“Abbacino” heißt das Label, das einst als Familienunternehmen begann und inzwischen in über 40 Ländern der Welt zu einem echten Renner in Sachen Taschen geworden ist. Die kreativen Köpfe hinter den mittlerweile rund 80 Modellen sind die Brüder Sebastià und Toni Vadell. Beide sind von Taschen regelrecht besessen, nennen ihre Arbeit “pasión”, und man spürt, dass damit viel mehr gemeint ist, als Hingabe. Das liegt am Vater. Er begann in den 1970er Jahren mit der Herstellung von Ledertaschen für die in dieser Zeit immer stärker auf die Insel drängenden Touristen. Die Produkte waren aus Schweinsleder und wurden in Souvenirläden und kleinen Inselboutiquen angeboten. Mit reissendem Absatz. In den 1990er Jahren übernahmen schließlich die Söhne den Betrieb und formten die Angebote mit viel Fleiß und Ideenreichtum zu einer Marke. Während sich Sebastiàn um die unternehmerischen Zahlen kümmert, ist Toni für Design und Marketing verantwortlich.

Mode ist schnelllebig

Kundinnen können bei “Abbacino” aus fünf Linien wählen: Premium, Coctel, Urban, Trendy und Basico. Das Angebot sei nichts für ein junges Publikum, erklärt uns Sebastiàn. Man kreiere Taschen für die Frau ab 30. Das ist die einzige Vorgabe, denn preislich sei allein schon aufgrund der Modellreihen für jeden Geldbeutel etwas dabei. Und wem Taschen nicht ausreichen, kann aus 50 Geldbörsen, 20 Gürteln und 30 Accesoires sein persönliches Highlight aussuchen. Selbstverständlich gibt es jeweils eine Sommer- und Winterkollektion. Mode ist eben schnelllebig.

“Abbacino” ist ein typisches Beispiel für Produkte “Made in Mallorca”. Einst von Familie, Vorfahren oder ausländischen Investoren als praktische Idee und kleine Produktion gegründet, ist es heute ein stattliches Unternehmen mit entsprechenden Umsätzen. Doch es zeigt noch etwas anderes: Dort, wo Mallorca draufsteht, ist nicht unbedingt Mallorca drin. “Abbacino” produziert seine Taschen längst nicht mehr in Petra. Die Herstellung erfolge in Alicante, in Indien und China. Aus Kostengründen, wie uns Sebastià erklärt. Übrigens kein Einzelfall.

Von Mallorca in die Welt

Ähnlich entwickelten sich auch andere Traditionsunternehmen, wie “Camper”, “Lottusse”, “Barrats” oder “Farrutx”, allesamt mit ihren Hauptverwaltungen und Fabrikverkäufen bis heute in der Lederhochburg Inca ansässig. Produziert wird mittlerweile auch oder ausschließlich im nahen oder fernen Ausland.

“Camper” hat übrigens nichts mit “Camping” zu tun, und tatsächlich wird der Name so ausgesprochen, wie geschrieben. Im Mallorquinischen bedeutet “Camper” nämlich “Bauer”. Obwohl das Unternehmen 1975 gegründet wurde, reicht seine Geschichte zurück bis ins Jahr 1877. Gründer war Lorenzo Fluxà, der für die Inselbauern stabile Schuhe mit kräftigen Sohlen aus ausgedienten Autoreifen herstellte. Noch heute lässt sich die Philosophie nicht bestreiten, schaut man auf das Sohlenprofil mit seinen überdimensionalen Noppen. Heute gibt es über 150 Camper Stores in mehr als 70 Ländern.

Beim Namen Fluxà sollte man allerdings nicht nur an “Camper” denken. Der Betrieb wurde 1877 vom Bruder Lorenzos, dem Schuhmachermeister Antonio Fluxà, als kleiner Handwerksbetrieb gegründet. Rund 40 Jahre später gingen die ersten Schuhe in serie. Der eintrag von “Lottusse” ins Markenregister erfolgte 1930. Während der Markenname “Camper” einen engen Bezug zur Sprache der Insel besitzt, mag man sich über das fast schon französisch anmutende “Lottusse” wundern. Das Unternehmen beschreibt die Entstehung recht einfach: Firmengründer Antonio erwarb einst seine erste Nähmaschine in England – und auf ihr prangte der Name “Lotus”.

Nicht weit von Inca entfernt dreht sich ebenfalls alles um Schuhe. Im Jahre 1940 wurde in Lloseta das Familienunternehmen “Bestard” gegründet. Spezialisiert hat man sich auf stabile Wander- und Bergschuhe. Für die hochwertige, weltweit bekannte und bei abenteurern beliebte Kollektion sorgen eine fortschrittliche Technologie und eine strenge Qualitätskontrolle.

Wild West in Alaró

Eine überaus hochwertige und in Teilen sogar überraschende Schuhkollektion bietet das Unternehmen Toni Mora bei Alaró. Hier werden seit 1918 neben besten Lederstiefeln auch Cowboystiefel hergestellt. Produziert werden die weltweit verkauften Schuhe aus verschiedenen, handverlesenen Lederarten. Besonderheit: Die Nähte werden doppelt gesetzt, um eine lange Lebensdauer zu gewährleisten. Eine weiche, anschmiegsame Korkeinlage sorgt für bequemen Sitz und das Gefühl, etwas Maßgeschneidertes zu tragen. Gerade bei Stiefeln ein überaus wichtiges Detail.

Kreativitätsschmiede Mallorca

Die Insel ist eine regelrechte Ideen- und Kreativitätsschmiede in Sachen Mode und modischen Accessoires, betrachtet man den Mallorquiner Alberto Tous mit seiner Kollektion, den Modezar Francisco Caimari Ramis, bekannt als Xisco Caimari, oder die Designerinnen Catalina Sard aus Son Servera und Carmen March aus Palma. Nicht zu vergessen die wunderbaren, handgefertigten Schmuckstücke von Isabel Guarch. Doch so eng der ursprüngliche Bezug zur Insel ist, sie alle haben Mallorca verlassen, arbeiten und produzieren die meiste Zeit fernab der Balearen.

Es prickelt und perlt

„Majorica“ ist die wohl bekannteste Marke für Kunstperlen der Insel. Allerdings werden diese schon längst nicht mehr auf Mallorca hergestellt. Der Hauptsitz befindet sich in Barcelona, die Perlen werden im Ausland produziert, in Manacor ist noch die Hauptniederlassung für den Verkauf, ebenso, wie an der Schnellstraße in der Nähe von Montuïri. Und doch ist auch ein Stück Perlenglanz vollständig auf Mallorca geblieben. Mit “Orquídea”, der strahlenden Konkurrenz und der heute einzigen Perlenmanufaktur, die noch vollständig auf Mallorca herstellt. Übrigens ebenfalls einst in Manacor gegründet und in Sichtweite des Mitbewerbers am Rastplatz bei Montuïri.

Eines ist beiden Perlenproduzenten gemein: Sie entstanden auf Mallorca. Die Einwohner Spaniens und besonders diejenigen der Balearen hatten schon immer eine Vorliebe für Perlen, die in alten Zeiten vorallem aus Japan importiert wurden. Nach dem zweiten Weltkrieg gingen die Importe zurück, oder wurden teilweise ganz eingestellt. Findige Iberer entwickelten daraufhin eine Technik, Perlen nach dem natürlichen Vorbild fortan künstlich herzustellen. “Warum dies’ ausgerechnet in Manacor geschah, bleibt ein Rätsel”, sagt Maria Escandell, Direktorin für Verkauf und Vertrieb bei “Orquídea”. Auf jeden Fall glich ganz Manacor vor rund 60 Jahren einer einzigen, großen Perlenmanufaktur. Während die Männer auf dem Feld arbeiteten, stellten die Frauen in filigraner Handarbeit wunderschöne Perlen her. Die kleinen Familienbetriebe schlossen sich Ende der 1950er Jahre zu größeren Genossenschaften zusammen. Überlebt haben bis heute “Majorica” und “Orquídea”, die sich in Qualität und Herstellung in nichts nachstehen, wie uns Escandell mit einem Augenzwinkern verrät.

Was ist „Made in Mallorca“?

Bei allen den Unternehmen gegönnten Erfolgen in Sachen Expansion und Umsatz sei die Frage erlaubt, was denn nun wirklich noch „Made in Mallorca“ ausmacht. Dann, wenn die Betriebe längst nicht mehr auf der Insel produzieren, sondern allenfalls noch mit ihrer Verwaltung hier ansässig sind. “Abbacino”-Chef Sebastià Vadell beschreibt das wie folgt: Allein die Marke vermittele mediterranes Mallorca-Gefühl, eben ein Stück gedachte Insel. Immerhin liege die Grundidee hier.

Für all diejenigen, die nach Mode “Made in Mallorca” suchen und tatsächlich etwas handgefertigtes orginal von der Insel wünschen, ein Tipp zum Schluss: Schuhe von Mateu Palou. Der urige Mallorquiner aus Selva stellt in seinem kleinen Betrieb “Cosits Antics” die typischen Schuhe der Insel noch selbst her. Echtes Leder, verschiedene Farben und Formen, gefüttert und ungefüttert. Es sei ihm zwar zu wünschen, aber niemals erhofft, dass der Mann jemals expandiert.