Mallorca Kultur – Talayot Erinnerungen

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Der Jäger der verlorenen Steine

Felipe Sánchez ist ganz verrückt nach Steinen. Groß und schwer müssen sie sein, grob behauen, am besten zu Türmen aufgeschichtet und mindestens 3.000 Jahre alt. Erst vor ein paar Tagen wurde der Mallorquiner wieder fündig, als er den Südosten der Insel mithilfe der Globus-Software Google Earth am heimischen PC nach verdächtigen Steinhaufen absuchte.

Etwa 17 Kilometer von Palma an der Südostküste Mallorcas entdeckte der Hobbyarchäologe einen mysteriösen Felssockel, um den im Umkreis von etwa 20 Metern große quadratische Steinblöcke aufgetürmt waren.

Nur wenige Tage später machte sich Sánchez mit den im Handy gespeicherten GPS-Koordinaten der Fundstelle auf den Weg, überquerte Äcker, Wiesen und Felder, kämpfte sich über Stacheldrahtzäune und durch mannshohes Gestrüpp, um am Ende auf die Überreste einer Kultstätte aus dem zweiten Jahrtausend v. Chr. zu stoßen.

Indiana Jones der balkanischen Frühgeschichte

Unter den promovierten Archäologen und Geschichtsforschern an der Uni in Palma gilt Sánchez seit langem schon als eine Art Indiana Jones der balearischen Frühgeschichte, dem kein Weg zu weit, kein Torrente zu tief und keine Mauer zu hoch ist, um die meist hinter Sträuchern und Büschen versteckten Steinzeugen der Eisenzeit aufzuspüren.

Der 40-jährige Iberia-Pilot und Familienvater verbringt einen Großteil seiner Freizeit damit, das Leben der Talayot-Menschen zu erforschen, die zwischen 1.000 vor Christus bis zur Eroberung der Insel durch die Römer im Jahre 123 v. Chr. die Balearen bewohnten. „Schon als Kind war ich davon fasziniert, wie meine Vorfahren es fertig gebracht haben, selbst Tonnen schwere Steine zu bearbeiten und so aufeinander zu schichten, dass sie dort selbst nach Jahrtausenden noch stehen“, sagt Sánchez. Im Alter von zwölf Jahren besuchte er mit seiner Schulklasse zum ersten Mal Capocorb Vell, die größte bisher ausgegrabene Megalithsiedlung auf den Balearen, etwa 15 Kilometer südöstlich von Palma in Richtung Cap Blanc gelegen.

Warum wurden die Eingänge stets nach Südosten ausgelegt?

Anfang des 20. Jahrhundert stießen Archäologen zum ersten Mal auf die Überreste von Capocorb Vell, unter ihnen auch der deutsche Gelehrte Albert Mayr, der später zu Ausgrabungen ähnlicher Megalithsiedlungen und Tempel nach Malta reiste. Das heutige gleichnamige Freilichtmuseum an der Straße von Cala Pí ist lediglich ein kleiner Teil der sich einst über mehrere Quadratkilometer erstreckenden Siedlung. Der Begriff Talayot ist vom katalanischen Wort „talaia“ abgeleitet und bedeutet soviel wie „Wach- oder Wehrturm“. In Capocorb Vell finden sich heute noch die Ruinen von drei runden sowie zwei quadratischen Talayots. Kurios: Die Eingänge sind immer auf 145 Grad nach Südosten ausgerichtet. Warum, ist bis heute ungeklärt.

Sánchez schätzt, dass in der Zeit zwischen 1.000 und 200 v. Chr. etwa 25.000 bis 50.000 Menschen auf Mallorca lebten. „Alle fünf Kilometer gab es eine Talayot-Siedlung von unterschiedlicher Größe. Es handelte sich dabei um ummauerte Einfriedungen von einen oder mehreren Türmen, Kultstätten und Unterkünften.“ In Capocorb Vell sind von diesen Behausungen noch insgesamt 28 übrig geblieben, die in einem Labyrinth aus Treppen, Türen und Gängen miteinander verbunden sind. In der Blütezeit der Siedlung, um etwa 500 v. Chr., lebten in dem Frühzeit-Dorf bis zu 1.000 Menschen, die sich hauptsächlich von der Viehhaltung ernährten.

Und wie sah ein Tagesablauf der Talayot-Mallorquiner aus? „Darüber kann man nur mutmaßen“, sagt Sánchez. Über einige Details aus dem Alltag der Ur-Mallorquiner wisse man immerhin von den Aufzeichnungen römischer Geschichtsschreiber, die allerdings erst nach der Einverleibung der Balearen durch das Imperium Romanum auf die Insel kamen. „Die Männer gingen am Morgen mit Rindern, Ziegen und Ochsen auf die Weide und kamen bei Sonnenuntergang wieder zurück. Um die Schweine mussten sich die Frauen und Kinder kümmern, denn das wurde als niedrigere Arbeit angesehen, mit der die Machos im Clan nicht belästigt werden wollten“.

Bekannt ist ebenfalls, dass ein reger, inselweiter Tauschhandel unter den Einwohnern der verschiedenen Megalithsiedlungen herrschte. Die an den Küsten lebenden Talayot-Menschen hatten bereits seit mindestens 1.500 v. Chr. mit phönizischen Seefahrern Kontakt. Über diese gelangten unter anderem Gewürze, Keramiken aber vor allem Wein auf die Insel, den die Mallorquiner gegen Ziegenfelle und Käse eintauschten. Ochsen zählten damals zu den wichtigsten Nutztieren. Ohne sie hätten die Talayot-Mallorquiner nämlich nicht einen Stein auf den anderen bekommen. Ochsen zogen größere Felsbrocken über Baumstämme von den Steinbrüchen zu den Baustellen und später mithilfe von Rampen in die Höhe.

„Dass damals überhaupt so viele Bauten entstanden, setzt übrigens eine rigorose Disziplin in Sachen Arbeitseinteilung voraus“, sagt Sánchez. Es wird angenommen, dass der Anführer mithilfe einer kräftig gebauten Leibgarde den Stammesangehörigen befahl, wer im Steinbruch zu schuften hat. „Freiwillig hat diese Strapazen wohl niemand auf sich genommen“, glaubt Sánchez.

Um die mächtigen, bis zu zwei Meter großen Kalkstein-Quader aus dem Boden zu brechen, die für Podeste und tragende Bauteile von Gebäuden gebraucht wurden, bedienten sich die Talayot- Mallorquiner eines physikalischen Tricks, der noch im späten 19. Jahrhundert in vielen Steinbrüchen der Insel zum Einsatz kam: So schlug man große Holzkeile in bereits vorhandene oder mit Speerspitzen in den Stein gemeißelte Risse und Klüfte rund um das gewünschte Felsstück. Anschließend ließ man die Keile solange mit Wasser aufquellen, bis sie den Kalkstein absprengten.

Mit Ankunft der Römer endete die Talayot-Kultur

Der Zerfall der Talayot-Kultur auf Mallorca begann mit der Ankunft der römischen Eroberer. Viele Balearen- Bewohner wurden verschleppt und versklavt, andere traten aufgrund ihrer besonderen Fertigkeiten beim Umgang mit der Steinschleuder als Söldner in den Dienst des römischen Heeres ein. Die wenigsten von ihnen sahen jemals ihre Heimat wieder. Übrig blieben am Ende nur noch die Steine der Talayot-Menschen. Doch auch die haben angefangen zu verschwinden. „Bis Anfang des 20. Jahrhunderts gab es auf Mallorca noch Hunderte von Talayot-Siedlungen mit sehr gut erhaltenen Talayots, Wohnhäusern und heiligen Stätten“, sagt Sánchez. Doch dann begann man auf der Insel immer mehr Straßen zu bauen. „Der größte Teil der Steinbauten von Capocorb Vell wurde in den 1950er Jahren als Untergrund für die Teerstraße nach Cala Pí verwendet“, sagt Sánchez. Ganze Megalithsiedlungen und Bauten sind so im Laufe der Zeit verschwunden, wurden zur Errichtung von Natursteinmauern verwendet, eingeebnet oder als Fundamente für Neubauten begraben.

Nur wenige Talayots stehen unter Denkmalschutz

An Palmas Universität wurde erst vor wenigen Jahren eine Studiengruppe gegründet, die sich speziell mit dem talayotischen Erbe auf Mallorca und den übrigen Balearen-Inseln befasst. Unter Denkmalschutz stehen allerdings nach wie vor nur die großen Siedlungen wie Seis Païsses bei Artà, Son Fornés in Montuïri oder Capocorb Voll.