Der Philosoph und der Ziegenhirte

Die Eitelkeiten der Welt konnte er nicht länger ertragen; das Streben nach Schein statt Sein ward ihm ein Groll. Der Philosoph Ramon Llull, im 13. Jahrhundert auf Mallorca geboren, entschied sich für ein Leben in Einsamkeit und zog sich auf den Berg Randa zurück.

Hier in der Stille waren Sonne, Wind und Regen die einzigen Gefährten in seiner Mediation. Wort um Wort floss aus seiner Feder und es entstand der Grundstein für seine literarischen Werke.

Doch eines Tages wurde Llull je in seiner Ruhe gestört. Mit lautem Glockengebimmel sprang eine Ziege an seiner Höhle vorbei, dicht gefolgt von einem jungen Hirten auf dem Weg, das entlaufende Tier wieder einzufangen. Auf die Frage, was er in dieser Einsamkeit mache, antwortete der Eremit: „Ich bete zu Gott, damit er mir helfe, Dinge zu verstehen, die mir noch unverständlich sind …“

Zwischen dem Philosophen und dem Ziegenhirten entwickelte sich ein Gespräch. Einfach in der Sprache gehalten, waren es doch manche Sichtweisen und scheinbar selbstverständliche Antworten auf zuvor unlösbare Fragen, die Llull die Augen öffneten – und in seine Schriften einflossen, die später Gelehrte bis weit über die Inselgrenzen hinaus begeistern sollten.

Doch wer war dieser Junge? War es wirklich Zufall, dass eine Ziege sich direkt vor die gut versteckte Höhle des Einsiedlers verirrte? Die Legende besagt, der Ziegenhirte sei von Gott gesandt worden, um dem frommen Llull die Erleuchtung mitzugeben, die ihn letztendlich zum Stolz aller Mallorquiner werden ließ…