Abgehoben und ausgeflogen

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Es war nur eine Frage der Zeit, wann die Fluggesellschaft Niki ihren Betrieb einstellt. Zu nah war man der insolventen Air Berlin, zu verwoben waren die selbst für Experten undurchsichtigen Abkommen. Die Folgen sind noch nicht absehbar.

Wer an den dünnen Versorgungsgefäßen eines Geldgebers hängt, wird schneller als gedacht an den Folgen eines Infarkts dahin scheiden. Da halfen auch keine Beteuerungen der österreichischen Fluggesellschaft Niki, man sei unabhängig von der Insolvenz des mütterlichen Pleitefliegers Air Berlin. Mitgehangen, mitgefangen. Doch die Floskel beschreibt nur unzureichend die aktuelle Situation.

Mangelnde Weitsicht

Die deutsche Luftfahrtbranche ist in einer tiefen Krise gelandet, die sie zum großen Teil selbst herbeigeführt hat, wenn auch auf unterschiedlichen Flugrouten. Air Berlin verdankt ihr Aus einem fortdauernden Missmanagement aufgrund mangelnder Weitsicht und Feinfühligkeit. Joachim Hunold verfiel dem Rausch eines Anfang des Jahrtausends boomenden Marktes und einer ebensolchen Nachfrage. Fliegen war plötzlich erschwinglich und zu einem Trend geworden. Es ging nicht mehr darum, von A nach B zu kommen, es ging nur darum, ein Schnäppchenticket zu ergattern – ganz gleich, wo es einen hinbringt.

Das Unheil nahm seinen Lauf. Wenn die vom Fliegen angefixten Kunden schon „geil auf Geiz“ waren, wollte man noch einen Schritt weiter gehen: Man ließ sie nicht mehr zum Flughafen kommen, man brachte die Flugzeuge zum Kunden. Seitdem besitzt ganz Europa Airports, für die sich nicht einmal Billigdiscounter als Standort interessieren. Die Nachfrage sank, doch die Routen mussten bedient werden.

Dass diese Regional-Flughäfen mit dem Ende von immer mehr Fluggesellschaften ebenfalls zu Milliardengräbern werden – falls sie es nicht schon längst sind – ist eine logische Konsequenz, die sich bislang nur schemenhaft am Horizont abzeichnet.

Schnelles Geld

Mallorca und Air Berlin, die beiden Begriffe wurden noch vor 15 Jahren in einem Atemzug genannt. Dass es hinter verschlossenen Türen bereits brodelte, war lediglich in Grundzügen zu erkennen. Denn Hunold, nicht gerade als kulturell-diplomatischer Ästhet bekannt, polterte sich durch Spanien. Sehr zum Missfallen der Iberer, die – wer sollte es ihnen verübeln – nicht auf den ausländischen Unternehmer, der zwar am schnellen Geld, nicht aber an einer Win-Win-Situation interessiert war, gewartet hatten. Vor allem ging es nicht auf die Spanier zu und legte sich dadurch selbst mehr und mehr Steine in den Weg.

Viel zu spät entschied er sich für den Insider und Strategen Álvaro Middelman, der noch vergeblich versuchte, zu kitten, was nicht mehr zu kitten war. Spricht man heute mit ihm über Air Berlin, sind seine Enttäuschung und sein Unverständnis aus jedem Satz spürbar.

Unterste Schublade

Jetzt also auch Niki. Zumindest aus diesem Ende wurde kein großes Aufhebens gemacht. Lufthansa steigt aus, Niki ist Stunden später buchstäblich am Boden zerstört. Vom geplant umgesetzten Wirtschaftskalkül der Lufthansa, die beim Nachrechnen offenbar kalte Füße bekommen hatte und neun auf peinliche Art versucht, den „Schwarzen Peter“ der EU-Kommission zuzuschreiben, einmal abgesehen: Das Beispiel zeigt vor allem, dass man in den vergangenen Wochen auf dem letzten, finanziellen Tropfen unterwegs war. Es zeigt aber auch, dass der Kunde Nebensache war – und ist.

Es galt die Devise: Abgreifen, was geht, bis zuletzt, ohne Rücksicht auf Verluste. Im Wissen um die prekäre wirtschaftliche Situation präsentierte man sich als – ungeachtet der Air-Berlin-Pleite – starkes, unabhängiges Unternehmen; man offerierte weiterhin fleißig Tickets, die doch – und das wusste man – innerhalb von Minuten ihren Gesamtwert und ihre Bedeutung verlieren konnten. Das ist nichts anderes, als das, was Schlecker vorgeführt hat. Das ist unterste Schublade vor dem König Kunden, den man mit sonnigen Stockfotos aus Urlaubsparadiesen, billigen Parolen und falschen Beteuerungen schlichtweg getäuscht hat.

Pflicht, aktiv zu werden

An der Situation von Air Berlin und Niki kann man nichts mehr ändern. Wohl aber könnte man an der allgemeinen Lage auf dem deutschen Flugmarkt rasch Veränderungen herbeiführen. Wenn gleich zwei Airlines zugrunde gehen, haben Mitbewerber nicht nur eine Chance, nein, sie stehen spätestens dann in der Pflicht, aktiv zu werden.

Nun könnte man einwenden, man habe zu wenige Maschinen. Schon in der starken Sommersaison griffen sämtliche deutsche Airlines auf Leasing-Unternehmen zurück, um die Nachfrage zu bewältigen und Strecken zu besetzen. Übrigens ebenfalls ein Zeichen dafür, dass man bereits zu Zeiten von Air Berlin und Niki an der Kapazitätsgrenze flog. Doch jetzt stecken wir mitten im Winterflugplan. Condor hat sich auf vielen Strecken, wie beispielsweise bei den Mallorca-Verbindungen, traditionell zurückgezogen. Auch Tuifly lässt die Möglichkeit, gerade jetzt aus dem selbst verordneten Winterschlaf zu erwachen und Umsatz zu machen, geflissentlich verstreichen. Man fliegt eben dann, wenn man es selbst für richtig hält – und nicht, wenn Kunde und Markt es verlangen.

Denken ist überholt

À la bonne heure! Das ist deutsches Unternehmertum im 21. Jahrhundert! Aber was soll man an Weitsicht und Professionalität erwarten, wenn in Berlin ein Flughafengerüst zu einer historischen Stätte vergammelt, ein Bahnhof in Stuttgart vor Scham im Erdboden versinkt und der ICE auf einer Neubaustrecke von der Fichtelbergbahn überholt wird? „Überholt“ – das Wort beschreibt die Situation sehr präzise. Nicht nur wirtschaftliches Denken deutscher Airlines ist überholt, bereits jetzt haben europäische Mitbewerber unter den Fluggesellschaften zum Überholen angesetzt. Möge ihr Handeln diesmal von Weitsicht geprägt sein. (Bild: dpa)